Der alte König in seinem Exil: Aus diesen 29 Gründen solltest du Arno Geigers Buch lesen
Der alte König in seinem Exil.
Arno Geiger hat dieses Buch geschrieben.
Über seinen Vater, der durch eine Demenz verändert wurde.
2011 ist es erschienen.
Und immer noch wird es gekauft.
Gelesen.
Und positiv bewertet.
Warum ist das so?
Was macht den Charme dieses Buches aus?
Und warum solltest du es unbedingt auch lesen?
Falls du es noch nicht kennst:
Ich habe viele Gründe gefunden, die ich dir gerne weiter gebe.
Dass es sich um große Literatur handelt, brauche ich dabei noch nicht mal extra zu erwähnen.
Schon allein, dass es im Hanser-Verlag erschienen ist, spricht für sich.
Aber das Buch ist noch mehr als das.
Wenn du Menschen mit Demenz begleitest, lies doch dieses Buch.
Es kann dein Herz berühren.
Und dich auch im täglichen Umgang weiterbringen.
... macht Hoffnung
Mich beeindrucken manche tiefsinnigen Beobachtungen. Etwa, dass der Charakter während einer Demenz noch recht unbeschadet ist. Und man sich als Angehöriger am Lächeln des demenziell veränderten Menschen erfreuen kann. Nicht alles geht verloren. Ein Prägestempel formt eine Münze. Ebenso hat der Vater seine Erinnerungen in Charakter umgemünzt. „Und der Charakter war ihm geblieben“ (S. 73). Welch hoffnungsvoller Blick auf Demenz.
... zeigt, dass nicht alles abwärts geht
Arno Geiger spricht gar von einem „goldenen Zeitalter der Demenz“ (Seite 96), wenn die Krankheit sich „durch ihr Voranschreiten selbst abmilderte“. Der eigene Zustand ist dem Betroffenen weniger präsent – und die Stimmung hellt sich auf. Jedenfalls bei seinem Vater. Und manchmal ist noch mehr als das möglich. Denn der alte König in seinem Exil…
... ermutigt, Routinen zu schaffen
Gibt es Dinge, die ihr jeden Tag tun müsst - aber sie fallen schwer? Mache ein Ritual draus. Dann kann dein Angehöriger es besser umsetzen und braust weniger auf. Geiger beschreibt, wie die Morgenroutine jeden Tag gleich abläuft und Sicherheit gibt (Seite 134).
... beweist, dass Versöhnung möglich ist
Auch Vergebung und Versöhnung ist trotz einer Demenz möglich. Manchmal vielleicht sogar leichter, weil das Gehirn und die Worte nicht im Weg stehen. Der Autor entfaltet, wie die Beziehung zum Sohn entspannt wird – und wie sogar die ehemalige Frau eine nicht wirklich gelungene Ehe verzeiht.
... ermutigt dich, dich auf die Welt des Betroffenen einzulassen
„Für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz“ (Seite 11), beschreibt der Autor die Realität seines Vaters. Daher kann er sich nicht so gut auf dich einstellen wie es vielleicht früher ging. Du als Angehöriger lebst dagegen auch in der Welt ohne Demenz. Du kannst dich also in die Welt des Betroffenen einfühlen.
... zeigt, dass Menschen mit Demenz auch genial sein können
Der alte König in seinem Exil ist nicht mehr zielstrebig und sachlich. Doch auch wenn er „nicht immer ganz vernünftig“ ist: Auf seine Art kann er dennoch genial sein. Auf Seite 11 findest du Zitate, die zeigen wie absurd und gleichzeitig genial der Alltag sein kann.

... bietet ein Rezept gegen Heimatlosigkeit
Menschen mit Demenz sagen oft: „Ich will nach hause.“ Und dies auch, wenn sie zuhause sind. Demenzielle Veränderungen machen Menschen heimatlos. Sie suchen nach der Verbindung zu sich selbst. Das ist auch so bei August Geiger, so heißt „der alte König in seinem Exil“ mit Namen. Das eigene Haus fühlt sich an wie ein fremder Ort. Heimat verlieren und trotz Demenz Heimat finden ist ein zentrales Thema im Buch. Der Autor findet dafür eine Lösung. Nicht, indem er spezielle Gesprächstechniken erläutert. Sondern er empfiehlt, mit dem Betroffenen zu singen. Das vermittelt Geborgenheit – und gibt das Gefühl, zuhause zu sein.
... lehrt dich, die Zeitgeschichte deines Gegenübers zu respektieren
Bedenke, dass dein Gegenüber in einer anderen Zeit aufgewachsen ist. Beispiel: Vielleicht geht er mit den Dingen anders um, die man heute einfach wegwirft. Will sie wieder verwerten. Denn: „Abfall entstand so gut wie keiner. Es gab einen Misthaufen, ein Schwein und einen Ofen“ (Seite 37).
... macht Mut, es einfach irgendwie auszuhalten
Du musst nicht jeden Tag strahlen und siegen. Manchmal geht es nur darum, dass du die Zeit überstehst. Irgendwie…
... wertschätzt die Biographie
Wenn sich jemand immer am Waschbecken gewaschen hat – dann fange nicht an, ihn mit 80+ Jahren zu duschen. Angehörige tun gut daran, den Lebenslauf zu beachten. Genauso wie ein Pflegeheim. Gut ist ein Heim dann, wenn es nicht nur die Krankheit sieht, sondern „jemanden, der den Namen August Geiger vor mehr als achtzig Jahren bekommen hat und nicht erst mit Beginn der Krankheit“ (Seite 134).
... lehrt dich, Alzheimer als Sinnbild zu sehen
Die Welt ist komplex. Selbst Gesunde sind vom Leben überfordert. Und durch ständige Neuerungen und immer mehr verfügbarem Wissen hat die Gesellschaft den Überblick verloren. Diese Erkenntnis kann dir helfen, dich mehr und mehr mit Menschen mit Demenz solidarisch zu fühlen.
... zeigt dir, wie du dich ganz neu mit deinem Angehörigen anfreunden kannst
Arno Geiger hat es als Chance verstanden, dass der Vater alle Konflikte vergessen hat. Unbefangen konnten sie sich wieder neu miteinander anfreunden.
... empfiehlt dir, etwas über dich selbst zu lernen
Arno Geiger spürte, dass er durch die Demenz seines Vaters etwas über sich selbst erfahren wird. Obwohl es anstrengend war, erlebte er den Vater als inspirierend.

... wertschätzt den Glauben
Der Autor beschreibt sich selbst nicht als besonders religiösen Mensch. Im Leben des Vaters dagegen hatte Glaube seinen Platz. Sogar während seiner demenziellen Entwicklung ging der Vater noch auf Pilgerfahrt nach Lourdes (Seite 24). Auch betet August Geiger. Sein Sohn beschreibt das nicht mit spöttischem Unterton, sondern sachlich. Voller Respekt. Und wertschätzt damit die religiöse Biographie seines Papas. Das gefällt mir.
... macht Mut zum Humor
Leben mit einer Demenz ist manchmal skurril, bizarr und lustig. Lache den Betroffenen nicht aus. Aber bewahre deinen Humor, schaue auf die fröhlichen Augenblicke des Lebens. Wie Arno Geiger, als er mit seinem Vater das WM-Halbfinal-Spiel „Deutschland : Italien“ angeschaut hat (Seite 69 / 70).
... zeigt, wie wichtig Beschäftigung ist
Kleine Aufgaben zeigen, dass jemand wichtig ist. Das Fahrrad schieben nennt der Autor als ein Beispiel. Und noch in einem anderen Bereich hatte der Vater trotz Demenz erstaunliche Fähigkeiten – kannst du auf Seite 133 lesen.
... klammert auch schwierige Themen nicht aus
Beispiel: Soll ich jemanden einschließen, wenn er sich selbst gefährden würde? Arno Geiger liefert dazu keine theoretische Abhandlung, sondern seine persönliche Erfahrung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern als selbst Betroffener.
... ermutigt, Kindern zu begegnen
Manche Menschen empfinden eine Scheu davor, Kinder und Menschen mit Demenz zusammen zu bringen. Dieses Buch zeigt, dass es auch anders geht. Und dass das sogar wertvoll ist. Jung und alt geht wunderbar zusammen. Kinder stecken an mit ihrer Freude und ihrer Unbefangenheit.
... benutzt eindrückliche Vergleiche
Arno Geiger verwendet viele Bilder und Vergleiche, die im Gedächtnis bleiben. Wenn man schon mit Menschen mit Demenz zu tun hatte, kann man diese gleich nachvollziehen. Um dem Buch nicht zu viel Spannung zu nehmen, nur mal 3 Bilder aus dem ersten Kapitel:
- Eine Demenz in der mittleren Phase fühlt sich an, wie wenn man „aus dem Schlaf gerissen“ wird (S. 9).
- Der Vater lebt „dort drüben“ (S. 11). Er kann nicht mehr in meine Welt zurück. Über eine Bücke kann ich ihn aber erreichen.
- Wenn der Autor darüber nachdenkt, was alles verloren geht, ist es, wie wenn er „dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten“ zusieht (S. 12).
Und natürlich: „Der alte König in seinem Exil“. Dieses Bild taucht immer wieder auf. Immer deutlicher wird im Verlauf des Buches, was Geiger damit meint. Einerseits eine präzise Beschreibung für den knorzigen Charakter des Vaters. Andererseits aber auch ein Bild zum Thema Heimat.
… erklärt dir, warum du nicht verallgemeinern solltest
Jede Demenz ist anders. Denn die Menschen sind verschieden. Es gibt verschiedene Formen von Demenz. Und schließlich lebt auch noch jeder in einem anderen Umfeld. Übertrage nicht vorschnell von einem zum anderen. „In ihrem Wesen bleiben die Betroffenen unergründlich“ (Seite 96)
… hilft dir, dass du dich nicht allzu wichtig nehmen musst
Der Autor berichtet, dass ihn sein Vater mit seinem Bruder Paul verwechselt hat. Und kommt zu dem Fazit: „Es war mir egal. Hauptsache Familie.“ (Seite 98)
… zeigt dir, wie du alte Redensarten einsetzen kannst
Vieles wurde vergessen. Doch die Sprüche, die man seit der Kindheit kennt, sind noch da. Beispiel: „Ein guter Stolperer fällt nicht“ (Seite 101). Versuche doch einmal, Redensarten ins Alltagsgespräch einzubauen. Es kann sein, dass dein dir anbefohlenes Gegenüber mit Demenz sogar noch alte Redensarten weiß, die heute kein Mensch mehr kennt...

… ermutigt dich, lichte Momente zu genießen
Nicht immer geht alles abwärts. Manchmal gibt es lichte Momente: „In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft.“ (Seite 102)
… erinnert dich, weniger zu befehlen und mehr zu fragen
Befehle wie „Du musst jetzt ins Bett“ können Widerstand auslösen. Manchmal ist es klüger, das Gegenüber durch Fragen zur Erkenntnis zu bringen: „Ich bin müde. Ich will jetzt ins Bett.“
… nimmt die Angst davor, Nähe zu zeigen
Wenn die richtige Person kommt, kann sie mit Nähe und Berührung sogar Männchen in der Vorstellung verschwinden lassen. Umarmungen können gegen Halluzinationen helfen. Berührend beschrieben auf Seite 141. Manchmal werden Menschen mit Demenz sanft, anlehnungsbedürftig und nahbar – so wie man es früher nicht gekannt hat. Sei offen dafür.
… macht Mut, zu sagen: „Ich mag dich.“
Manche Dinge gehen leichter über die Lippen, wenn die Kontrolle durch den Verstand weg fällt. Wenn es dich danach drängt, deine Zuneigung zum Ausdruck zu bringen – tue es.
… erklärt dir, warum kleine Freuden eine große Wirkung hinterlassen können
Oft sind die kleinen Freuden viel wertvoller als die großen Vorsätze. Beispiele: Einen Spaziergang machen – oder ein Gespräch mit jemand ermöglichen.
... bezeugt, dass der Umzug in ein Pflegeheim kein Untergang sein muss
Wie der Autor mit einigen lesenswerten Beispielen beschreibt (ab Seite 133) ist der Wechsel für alle Beteiligten eine Entlastung – und der Vater blüht noch einmal richtig auf. Die Erwartungen sind weg. Demenz und ein Leben im Pflegeheim kann auch eine Befreiung aus der Leistungsgesellschaft sein. Berührend beschrieben auf Seite 187.
… betont, dass Menschen mit Demenz eigenartig sein können - aber nicht bemitleidenswert!
Der Autor empfand im Pflegeheim zunächst Mitleid für die Menschen, die dort leben. Mit der Zeit fand er es dann aber auch nicht merkwürdiger als an anderen Orten. Und hier kommt mein Lieblingssatz aus dem Buch:
„Auch das gutturale Brummen und kehlige Rufen eines der Mitbewohner, das mich anfänglich irritiert hatte, klang, nachdem ich das herzliche Wesen des Rufers kennengelernt hatte, vertraut und angenehmen“ (Seite 152).
Das ist nur einer von vielen Sätzen, die das Buch lesenswert machen.
Als einer, der mehr als 2 Jahrzehnte in Pflegeeinrichtungen gearbeitet habe, kann ich nur sagen:
Chapeau, Arno Geiger!
Schöner habe ich das noch nie gehört…
Lass uns Opas Augen zum Leuchten bringen.
Dein Uli
P.S.: Das Buch endet übrigens nicht damit, dass der Vater stirbt und das Zimmer im Pflegeheim geräumt wird.
Denn der Autor findet, dass Menschen mit Demenz ebenso wie andere Menschen auch ein anderes Romanende verdient haben.
Recht hat er.
Wenn du wissen willst, wie er das Ende des Buches gestaltet hat, ist dies ein weiterer Grund, es selbst zu lesen…
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